Aktionen

Handball ist Emotion!

Fanclubs gegen die Regelungswut der HBL

Zur Saison 2011/2012 hat die HBL einige Änderungen in den Durchführungsbestimmungen für die Bundesliga vorgenommen. Drei davon sorgten dann mit Saisonbeginn für große Verwunderung und Unmut in der gesamten Handballszene.

  1. Das Verbot, das Spielfeld 5 Minuten nach Spielende nicht betreten zu dürfen
  2. Die Einschränkung der Hallensprecher und den damit verbundenen Einspielern per Audio und Video
  3. Das 48-stündige Äußerungsverbot nach Spielende zum Thema Schiedsrichter für die Vereinsoffiziellen

Vor allem der dritte Punkt sorgte für große Aufregung, und schnell machte das Wort „Maulkorberlass“ die Runde.

In den Durchführungsbestimmungen der HBL stand wörtlich:

„Spielern, Offiziellen sowie Mitarbeitern oder Mandatsträgern eines Vereins, auch wenn sie nicht selbst am Spielgeschehen beteiligt waren, ist es untersagt, innerhalb von 48 Stunden nach Spielschluss sich über die Schiedsrichter, Zeitnehmer und Sekretär und den Technischen Delegierten zu äußern.

Im Fall der Zuwiderhandlung kann gegen den oder die Betroffenen unter Vereinshaftung eine Geldbuße gem. diesen Durchführungsbestimmungen i:V. § 25 Abs. 4 RO von bis zu 5.000,00 € verhängt werden.“

Bundesweit ging ein Aufschrei durch die Handballszene, und auch die Medien haben sich ausführlich mit diesem Thema beschäftigt. Der Tenor war einhellig, die HBL schießt mit dieser Regelung weit über das Ziel hinaus, und beschneidet damit einen der Grundpfeiler des Handballsports: Die Emotionen!

Selbst unter den Schiedsrichter, denen der „Maulkorberlass“ in erster Linie helfen sollte, war man von der Regelung nicht begeistert.

Auch aus der Fanszene musste die HBL deutliche Kritik einstecken, unter anderem waren in mehreren Hallen Protest-Plakate zu sehen.

Dies nahm die IG Handball e.V zum Anlass eine bis dato einmalige Protest-Aktion, unter Beteiligung von Fanclubs aus dem gesamten Bundesgebiet, zu initiieren. Im Oktober 2011 unterzeichneten 28 Fanclubs folgendes Schreiben an die HBL und ihre Vereine:

„Sehr geehrte Damen und Herren,

wir wenden uns hiermit an alle Verantwortlichen der HBL. Damit meinen wir zum einen die handelnden Personen in der Geschäftsstelle, zum anderen aber auch ganz explizit alle Vereine der HBL und deren Geschäftsführer. Denn die Vereine sind die HBL, nicht alleine die hauptamtlichen Funktionäre in Dortmund.

Die Fanclubs haben zunehmend ein Verständnisproblem damit, wie sich die Vereine von der HBL-Zentrale nicht nur vertreten, sondern immer wieder (vor-)führen lassen, ohne direkt gegen eindeutige Fehlentwicklungen vorzugehen.

Die Fanclubs wollen und werden nicht mehr länger untätig zusehen, wie der Sport den wir lieben und der zu einem großen Teil von seinen Emotionen und der Nähe zu seinen Fans lebt, von Funktionären zunehmend sterilisiert wird. Aber nicht nur die Fans leiden unter immer weitergehenden Reglementierungen. Nein, auch die Akteure selbst haben immer größere Probleme, den ausufernden Regeln der HBL Folge leisten zu können und zu wollen. Was für uns dem Ganzen noch die Krone aufsetzt, ist die Tatsache, dass die HBL damit in der breiten Öffentlichkeit ihren selbstgewählten Anspruch und Titel „ Die stärkste Liga der Welt“ konterkariert und sich freiwillig Spott und Unverständnis aussetzt.

Konkret wollen wir folgende Regelungen ansprechen:
1.) Das Verbot, das Spielfeld 5 Minuten nach Spielende nicht betreten zu dürfen
2.) Die Einschränkung der Hallensprecher und den damit verbundenen Einspielern per Audio und Video
3.) Das 48-stündige Äußerungsverbot nach Spielende zum Thema Schiedsrichter für die Vereinsoffiziellen

Alle drei Regelungen sind aus unserer Sicht einfach überzogen und richten mehr Schaden als Nutzen an. Es wäre absolut ausreichend gewesen, es bei den bereits bestehenden Regelungen zu belassen!
Sicher haben Sie Begründungen für die genannten Regelungen, aber diese Begründungen verlieren sehr schnell ihr Fundament, sobald sie den Blickwinkel des Funktionärs verlassen. Deshalb möchten wir Ihnen empfehlen, einmal die Perspektive zu verändern und sich gedanklich in die Rolle der Betroffenen, der Fans, der neutralen Zuschauer und der interessierten Öffentlichkeit zu begeben. Manchmal hilft aber auch ganz einfach der gesunde Menschenverstand.

Wir sind überzeugt davon, dass auch Sie dann erkennen werden mit diesen Regelungen deutlich über das Ziel hinaus geschossen zu sein. Natürlich nimmt man einmal gefasste Beschlüsse nicht gerne zurück, denn es könnte ja als Schwäche interpretiert werden. In diesem Fall sind wir aber sicher, dass Sie Respekt für die Rücknahme dieser Regelungen ernten und auch verlorene Glaubwürdigkeit zurückgewinnen werden.

Deshalb möchten wir Sie abschließend dazu auffordern, im Sinne einer positiven Entwicklung des Handballsports, die oben aufgeführten überzogenen Regelungen stark zu modifizieren bzw. ganz zurückzunehmen und auch in Zukunft auf solche Regelungen, die dem Ansehen des Handballsports mehr schaden als nutzen, zu verzichten.

Mit sportlichen Grüßen
Die Fanclubs in den Vereinen der HBL“

Die HBL-Führung hielt weiterhin am ihrem „Maulkorberlass“ fest, es wurde aber zunehmend deutlich, dass man mit so intensiven Reaktionen nicht gerechnet hatte. Nun wurde von Seiten der HBL das Gespräch gesucht, und erfreulicherweise gab es für den 21. November 2011 eine Einladung zu einem persönlichen Treffen zwischen Verantwortlichen der HBL und Vertretern der Fan-Szene.

So machten sich an diesem Tag Helge-Olaf Käding (IG Handball / Nettelstedt-Lübbecke), Marcel Gleim (Lemgo), Frank Henke (Kiel) und Georg Weidmann (IG Handball / Göppingen), auf den Weg nach Dortmund.

Die Besetzung der dort auf die Fan-Vertreter wartenden Runde, zeigte deutlich, dass die Kritik auf Seiten der HBL ernst genommen wurde. Die HBL wurde vertreten durch: Reiner Witte (Präsident HBL e.V.), Frank Bohmann (Geschäfstführer HBL GmbH), Andreas Thiel (Justitiar HBL) und Oliver Lücke (Pressesprecher HBL).

In angenehmer und offener Atmosphäre, wurden über mehrere Stunden die Argumente und Standpunkte ausgetauscht, dabei wurde auch durchaus kontrovers und lebendig diskutiert. Auch weit über die drei Punkte aus den Durchführungsbestimmungen hinaus.

Am Ende konnten die Fan-Vertreter zwar keine konkreten Zusagen mit nach hause nehmen, was bei realistischer Betrachtung auch nicht zu erwarten war, aber man hatte die HBL in einigen Punkten zum nachdenken gebracht, für die Interessen der Fans sensibilisiert, und deutlich gemacht, dass die Fanszene im Handball keine amorphe Masse darstellt, die man nicht weiter zu beachten braucht.

Somit konnten die Fans diese Initiative der IG Handball, schon zu diesem Zeitpunkt als Erfolg verbuchen.

Wie nicht anders zu erwarten, ruderte die HBL in Sachen „Maulkorberlass“ nicht unmittelbar zurück. Diese Blöße wollte man sich nicht geben. Offiziell blieb der Paragraph zunächst unverändert in den Durchführungsbestimmungen stehen, er spielte jedoch während der Saison 2011/2012 keine praktische Rolle. Und mit etwas zeitlichem Abstand, wurde er im Sommer 2012 dann doch umformuliert und damit wieder abgeschwächt.

Dies war dann schlussendlich ein Erfolg der gesamten öffentlichen Reaktion, der Reaktion der Vereine, der Schiedsrichter und der Fans. Und auch die Initiative der IG Handball hat ihr Scherflein zur Korrektur einer Fehlentwicklung beigetragen.